CP/M

Test: WordStar

CP/M macht's möglich: Die Textverarbeitung der Profis auf dem C 128.

Nachdruck aus 64'er 1/86, S. 47.

Mit WordStar steht dem C 128-Besitzer ein Textverarbeitungsprogramm aus dem Bereich der echten Personal-Computer zur Verfügung. Um es vorweg zu sagen: WordStar ist ganz sicher nicht die schnellste Textverarbeitung, die für einen Computer wie den C 128 denkbar ist, aber die Leistungsfähigkeit dieses professionellen Programms macht das Geschwindigkeitsmanko mehr als wieder wett.

Doch beginnen wir ganz von vorn: WordStar für den C 128 wird auf zwei Disketten geliefert.

Eine Diskette (Nummer 2) enthält das uninstallierte WordStar, eine Art Rohversion, die mittels eines ebenfalls mitgelieferten speziellen »Install«-Programms an den jeweiligen Computer (hier den C 128) angepaßt werden kann. Damit braucht man sich bei einem späteren Wechsel des Computers sein Textverarbeitungsprogramm nicht ein zweites Mal zu kaufen: Mit Hilfe des Install-Programms und des sehr ausführlichen Handbuches kann man WordStar an jeden CP/M-fähigen Computer anpassen. Sollte man gar bis in die Höhen der IBM-kompatiblen 16-Bit-Computer umsteigen, dann kann man zwar das für den Z80-Prozessor geschriebene WordStar nicht mehr verwenden, aber man kann mit dem 16-Bit-WordStar zumindest alle »alten« Texte weiterbearbeiten. Diese erste Diskette sollte man daher sehr gut verwahren.

Centronics-Schnittstelle eingebaut

Sollten Sie jetzt etwas Angst vor der vielleicht doch nicht so ganz einfachen Installierung von WordStar auf Ihrem C 128 bekommen haben, so ist das absolut unnötig: Die zweite Diskette enthält WordStar schon fix und fertig installiert und an den C 128 angepaßt - und das gleich in zwei Versionen: Das File WSCBM.COM ist eine zu Commodore-Druckern kompatible WordStar-Version. Falls Sie also einen Original-Commodore-Drucker der MPS-Reihe besitzen, oder aber Ihren Drucker mittels Centronics-Interface am seriellen Bus betreiben, dann ist diese Version die richtige für Sie.

Die zweite WordStar-Version, WSPAR.COM, unterscheidet sich von der ersten dadurch, daß hier softwaremäßig eine Centronics-Schnittstelle über den User-Port realisiert wurde. Zum Anschluß eines beliebigen Druckers mit Centronics-Schnittstelle braucht man dann nur noch ein entsprechendes User-Port-Kabel anstatt eines teuren Interface.

Bevor man nun mit einer der beiden WordStar-Versionen arbeiten kann, ist allerdings noch etwas Vorarbeit zu leisten: Die WordStar-Disketten sind im 1541-Floppy-Format aufgezeichnet und können daher gleichermaßen mit den Commodore-Laufwerken 1541, 1570 und 1571 gelesen werden. Um jedoch die Vorteile der 1570/1571-Stationen (schnellerer Zugriff, höhere Speicherkapazität) ausnutzen zu können, müssen die Disketten zunächst auf das jeweilige Diskettenformat umkopiert werden.

Sicherheitskopie – ja, bitte!

Umkopiert? Das mag manchem Besitzer anderer professioneller Textverarbeitungssysteme für den C 64/C 128 etwas merkwürdig vorkommen, aber es hat schon seine Richtigkeit: WordStar ist ebenso wie praktisch alle professionellen CP/M-Programme nicht mit irgendwelchen profilneurotischen Kopierschutz-Pfuschereien ausgestattet, sondern gestattet dem Käufer das Anfertigen von Sicherheitskopien für den persönlichen Gebrauch. Das Handbuch meint zu diesem Thema in der Einleitung: »Arbeiten Sie niemals mit Ihrer Original-Diskette, damit Sie sich bei Beschädigung Ihrer Diskette eine neue Arbeitsdiskette erstellen können«.

Das Umkopieren der Diskette auf das jeweilige Floppy-Format (und damit die Herstellung einer Sicherheitskopie) wird auf mehreren Seiten sehr ausführlich Schritt für Schritt beschrieben.

Hat man nun eine lauffähige Kopie der WordStar-Diskette erzeugt, kann man leider noch nicht sofort loslegen: Vor dem Start von WordStar muß noch das SETUP-Programm gestartet werden, da das Commodore CP/M unverständlicherweise keine deutschen Umlaute unterstützt. Also heißt es in den sauren Apfel beißen und erst einmal SETUP laufen lassen, ehe man - endlich - WordStar selbst starten kann.

Jetzt sollte allerdings nichts mehr im Wege stehen, sich in die Arbeit mit Wordstar zu stürzen. An dieser Stelle muß jedoch noch einmal von der Verwendung einer 1541 als Floppy-Laufwerk abgeraten werden: Die 1541 ist einfach viel zu langsam.

So arbeitet es sich mit WordStar

WordStar meldet sich nach dem Laden mit einem übersichtlichen Startmenü (siehe auch Bild 1). Da es die wichtigsten Befehle, das heißt diejenigen, die unentbehrlich sind, um mit der Schreiberei anfangen zu können, klar und eindeutig auflistet, erspart dieses Menü den Griff zum Handbuch. Gerade dem Neuling kommt das zugute, denn der Umgang mit dem Handbuch erfordert einiges an Routine und Zeit. Nebenbei gesagt ist man, wird auf die Schnelle ein besonderer Befehl gesucht, mit der mitgelieferten Referenzkarte vielfach besser als mit dem sehr ausführlichen Handbuch bedient. Die Referenzkarte gibt eine Übersicht über alle zur Verfügung stehenden Kommandos.

Bildschirmfoto des WordStar-Startmenüs: zweispaltig die deutschen Menübefehle, darunter das Inhaltsverzeichnis von Laufwerk A
Bild 1. Das Hauptmenü zeigt neben dem Inhaltsverzeichnis der Diskette auch alle Befehle, in deutsch erklärt an.

So ist im Startmenü aber leicht der Befehl zum Dateieröffnen zu finden: Nur den Buchstaben »D« (wie »Datei«) drücken. Nach Eingabe eines Namens kann man schließlich mit der Abfassung seines Textes beginnen.

Die obere Hälfte des Bildschirms enthält jetzt das sogenannte »Hauptkommando-Menü«, das dem Benutzer ständig die wichtigsten Befehle präsentiert (siehe auch Bild 2). Ein Untermenü von einer Zeile Länge hält alle übrigen WordStar-Funktionen bereit, die problemlos über CTRL-J, CTRL-K, CTRL-O, CTRL-P und CTRL-Q aufzurufen sind. Jeder Einsteiger wird für diese Gedächtnisstütze recht dankbar sein, da er ja wahrscheinlich noch meilenweit davon entfernt ist, alle relevanten Befehle im Kopf zu haben. Denn spätestens nach dem ersten Tippfehler bedarf es der Kenntnis von Cursor- und Löschfunktionen.

Bildschirmfoto von WordStar im Editiermodus: oben Statuszeile und Kommandomenü mit den Blöcken ZEIGER, ROLLEN, LOESCHEN, BEFEHLE und HILFE, unten ein englischer Beispieltext
Bild 2. Während des Bearbeitens eines Textes hat man stets die wichtigsten Kommandos auf einen Blick.

Grundsätzlich sind bei WordStar sämtliche Befehle über eine mehrfache Tastenbedienung (»CTRL«-Taste plus Buchstaben oder Buchstabenkombination) auszuführen. Eine Ausnahme bilden hier die Funktionen des Startmenüs, sowie die Steuerungsbefehle des Cursors, da beim C 128 dazu spezielle Cursortasten vorgesehen sind. Anfangs ist es recht ungewohnt, jeweils mehrere Tasten drücken zu müssen, um als Resultat eine einzige Funktion zu erhalten. Da die enorme Vielfalt der erreichbaren Funktionen jedoch ein großes Anwendungsspektrum eröffnen, gewöhnt man sich gerne daran. Das Löschen von Buchstaben und ganzen Wörtern, dessen Control-Code wir dem oben stehenden Menü entnehmen, erfolgt ebenso unproblematisch wie die übrigen aufgelisteten Kommandos. Trotz dieser leicht verständlichen Handhabung sei unbedingt zu empfehlen, alle im Menü vorhandenen Befehle des öfteren durchzuexerzieren. Ohne Übung nämlich kein Meister und ohne Fleiß kein Preis. Hat man sich aber einmal die wichtigsten Funktionen gemerkt, dann geschehen Textkorrekturen sehr schnell und effektiv: Es gibt Funktionen zum zeichen-, wort,- zeilen- oder abschnittsweisen Weitergehen im Text, man kann wahlweise durch den Text »blättern« oder rollen, Zeichen, Worte oder Zeilen löschen. Auch Blockoperationen stehen zur Verfügung: Man kann beliebige Textabschnitte als Blöcke markieren, diese dann mit einfachen Befehlen löschen, kopieren, verschieben, speichern oder als Textbausteine definieren. Automatisches Suchen von Zeichenfolgen im gesamten Text oder auch nur in bestimmmten Abschnitten ist sehr einfach möglich. Auch Suchen mit automatischem Ersetzen der gefundenen Zeichenfolge durch eine andere ist möglich; wahlweise mit oder ohne Rückfrage beim Benutzer. Also frisch an's Werk! Sie werden merken, wie Sie das System mit etwas Übung besser und besser beherrschen, bis Sie schließlich die Editierfunktionen gar nicht mehr bewußt ausführen.

Haben Sie die gängigsten Befehle schon im Kopf? Dann fällt es Ihnen sicher auf, daß das Anzeigenmenü - jetzt wo Sie es nicht mehr so dringend brauchen - eigentlich viel zuviel Platz auf dem Bildschirm einnimmt. Für den Text bleibt lediglich die untere Monitorhälfte (Bild 2), was natürlich auf Kosten der Übersichtlichkeit geht. Dem ist aber problemlos abzuhelfen, vorausgesetzt man weiß wie. Schlagen Sie Ihr Handbuch auf und suchen Sie, denn im Hilfsmenü ist nichts zu finden. Aber früher oder später stößt man auf den Befehl CTRL-J und kann darauf hin mit »h« das Hilfsmenü aufrufen. Hier ist eine Regulierung des Menü-Umfanges von 0 - 3 möglich. Bei Stufe 0 endlich steht Ihnen als Betätigungsfeld der komplette Bildschirm zur Verfügung, lediglich eine einzelne Statuszeile am oberen Bildschirmrand bleibt erhalten.

Viel mehr als nur eine elektronische Schreibmaschine

Doch damit sind die Fähigkeiten von WordStar noch lange nicht erschöpft. Auf die beeindruckendsten Funktionen, die WordStar zu WordStar machen, soll im folgenden eingegangen werden.

Ein Charakteristikum von WordStar ist beispielsweise die Möglichkeit, dem einmal eingegebenen Text eine beliebige äußere Form zu geben. Das Eingeben des Briefes, Artikels etc. ist mit den angesprochenen Editierfunktionen völlig problemlos. Die Zeilenschaltung entfällt ebenso wie irgendeine Worttrennung. Ist der Text schließlich »im Kasten«, dann ist es im nachhinein freigestellt, nach Lust und Laune (beziehungsweise dem besten optischen Eindruck gemäß) den Text zu gestalten. In frei gewählter Zeichenbreite - auch über die 80 Zeichen des Bildschirms hinaus - , links und rechtsbündig als Blocksatz oder als Flattersatz nur linksbündig, kann man den Textblock formatieren. Auch das Zentrieren von Überschriften etc. ist kein Problem. Die Ausführung übernehmen die CTRL-Befehle CTRL-OL, CTRL-OR für die Randbegrenzung. Der Befehl CTRL-OJ, der wie ein Ein/Ausschalter zu bedienen ist, stellt auf Flattersatz um. Endgültig formatiert wird endlich mit CTRL-B. Hierbei ergibt sich ein kleines Problem, nämlich die Worttrennung: Dadurch, daß bei der Texteingabe keinerlei Trennung durchgeführt wurde, konnten zwischen den einzelnen Wörtern - oft sehr unschön - größere Abstände entstehen, wenn rechts- und linksbündig geschrieben wurde. Doch WordStar bietet hier eine Lösung an, die sogenannte »Trennhilfe«, die während des Formatierens zur Anwendung kommt. Sie läßt sich über das CTRL-O-Menü an- und ausschalten. Bei zu langen Wörtern veranlaßt sie eine Unterbrechung des Formatiervorgangs und macht an entsprechender Stelle einen Trennvorschlag. Sind Sie damit einverstanden, daß heißt, ist der Vorschlag orthografisch richtig, setzen Sie den Trennstrich. Ist keine Trennung erwünscht, brauchen Sie nur erneut CTRL-B eingeben. Der Formatierbefehl wirkt immer nur auf einen Absatz, so daß verschiedene Textteile völlig verschieden formatiert werden können. Soll der gesamte Text neu formatiert werden, dann hält man die Tastenkombination CTRL-B etwas länger gedrückt. Die Formatbefehle stellen auch eine nicht zu verachtende Hilfe beim Erstellen von Tabellen, Listen und ähnlichem dar. Wollen Sie beispielsweise eine längere Zahlenkolonne linksbündig in der 10. Spalte auflisten, geben Sie CTRL-OL ein. WordStar fragt nun nach, in welche Spalte Sie Ihre Liste plazieren wollen. Antworten Sie mit »10«, werden die gesamten nachfolgenden Angaben bis zum nächsten RETURN in die zehnte Spalte gerückt. An dieser Stelle wäre auch noch die Tabulatorfunktion zu erwähnen, die während des Schreibens zur Gestaltung von Tabellen etc. eingesetzt werden kann.

Fußnoten – kein Problem

Weiter zu einer Fähigkeit von WordStar, auf die niemand, der schon einmal damit gearbeitet hat, verzichten wollen wird: Gemeint ist das sogenannte »Punkt-Kommando« ».FO«. Punkt-Kommandos steuern die Ausgabe des Textes in einem bestimmten Druckbild. Das ».FO«-Kommando bewirkt, daß Sie eine Fußnote, die sonst mühsam unterhalb des Textblockes eingefügt werden müßte, problemlos im Gesamttext mitschreiben können. ».FO« an den Anfang einer Zeile gesetzt, läßt die restliche Zeile als Fußnote am Blattende erscheinen.

Andere Punktbefehle steuern Seitennumerierung, Hoch- und Tiefstellen von Zeichen und legen die Randbegrenzungen für den Ausdruck fest. Außerdem können Kopfzeilen definiert werden, die zu Anfang jeder neuen Seite immer wieder gedruckt werden.

Eine weitere sehr interessante Anwendung ist die Definition von »Textvariablen«. Das ist wichtig für das Erstellen von Serienbriefen, bei denen nur bestimmte Textteile, in der Regel Namen und Anrede, geändert werden müssen. WordStar erlaubt es sehr einfach, Textvariablen zu verwenden, die erst beim Ausdruck durch entsprechende Daten - zum Beispiel aus einer Adreßdatei - ersetzt werden.

Serienbriefe und Textbausteine

Auf diesem Grundgedanken basiert nun ein mitgeliefertes Programm, nämlich »MailMerge«, das einen wesentlichen Teil der in einem Büro anfallenden Schreibarbeiten erspart. MailMerge erlaubt es, auf einfache Weise auf Adreßdateien oder Textbaustein-Dateien zuzugreifen und erweitert somit die Anwendungsgebiete von WordStar ganz enorm. Der WordStar-Besitzer kann diese Funktionen von Anfang an in Anspruch nehmen: MailMerge befindet sich ganz einfach auf der WordStar-Diskette und ist im Handbuch ausführlich dokumentiert.

Fazit

WordStar ist ganz ohne Zweifel eines der leistungsfähigsten Textverarbeitungs-Programme, die je für einen Home-Computer zu haben waren. Fähigkeiten wie die automatische Verwaltung von Fußnoten oder das Verarbeiten von Textbausteinen heben das Programm über das Niveau so mancher anderen Textverarbeitung hinaus. Das sehr umfangreiche Handbuch im professionellen Ringordner beantwortet alle Fragen, die im Zusammenhang mit der Benutzung oder der Installation von WordStar auftreten können.

Der größte Vorteil von WordStar liegt in der weitgehenden Unabhängigkeit von einem bestimmten Computersystem. Ein- und dasselbe Programm, einmal gekauft, überdauert dank Kopierbarkeit nicht nur beliebig viele Arbeitsdisketten, sondern bleibt auch bei Anschaffung eines neuen Computers noch aktuell - sofern der Computer CP/M-fähig ist. Und selbst beim »Aufstieg« in die Höhen der 16-Bit-Welt der IBM-kompatiblen Computer können die alten Texte und Dateien weiterverwendet werden. Die 199 Mark für dieses Textprogramm sind also auch langfristig gesehen gut angelegt - WordStar kann eine Anschaffung fürs Leben sein.

(Eva-Maria Hierlmeier/tr)

Info: WordStar 3.0 mit MailMerge für den Commodore 128 PC, 199 Mark, Markt & Technik Verlag Aktiengesellschaft, Hans-Pinsel-Str. 2, 8013 Haar bei München

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