C 64
Grafik

Malprogramme im Überblick

Die Grafikfähigkeiten des C 64 laden geradezu dazu ein, den Computer auch als Malkasten zu verwenden. Wir haben uns die dazu nötigen Malprogramme angesehen: Kunst auf dem C 64.

Der C 64 ist ein Heimcomputer mit fantastischen Grafikmöglichkeiten, sowohl im Multicolor- wie auch im hochauflösenden HiRes-Modus. Diese Grafikmöglichkeiten werden aber vom Basic V2.0 in keinster Weise unterstützt. Um auch dem ungeübten Programmierer das Tor zur Grafik zu öffnen, sind sogenannte Mal- oder Zeichenprogramme auf den Markt gekommen, in denen alle Malutensilien wie Bleistift, Pinsel, Radiergummi oder Sprühdose in Form von Funktionen beziehungsweise Befehlen eingebaut sind. Wir beschäftigen uns hier mit den sogenannten Malprogrammen, die im Gegensatz zu Zeichenprogrammen 16 Farben zulassen, dafür aber nur mit einer Auflösung von 160 x 200 Punkten arbeiten (Multicolor-Modus). Zeichenprogramme die ebenfalls in dieser Ausgabe besprochen werden, stellen pro Bildschirm 320 x 200 Punkte zur Verfügung: allerdings immer nur in einer einzigen Farbe. Zur Zeit sind im Handel drei Programme erhältlich, die als Malprogramm bezeichnet werden sollten: Das in der letzten Ausgabe ausführlich getestete »OCP Art Studio«, das Billig-Programm »Vidcom 64« und das etwas ältere »Blazing Paddles«, das wir in Ausgabe 4/85 noch als das beste Grafikprogramm für den C 64 bezeichnet haben. Inzwischen hat sich auf dem Software-Markt einiges getan, so daß Blazing Paddles diesen Titel nicht notwendigerweise behalten hat.

Um Ihnen die Entscheidung für eines der Programme zu erleichtern, haben wir Ihnen in Tabelle 1 die wichtigsten Daten der Programme zusammengefaßt.

Grafik-Software im Vergleich

Art Studio Vidocom 64 Blazing Paddles
Auflösung 320 x 200 320 x 200
160 x 200
160 x 200
vorhandene Grafikseiten 1 2 1
Undo-Modus ja nein ja
Zoom-Modus ja (verschiedene Größen) nein (Lupe im Menü) ja
Sprühdose ja nein ja
Text-Funktion ja nein ja
verschied. Zeichensätze ja nein ja
Zeichensätze editierbar ja ja nein
Muster-Funktionen:
Füllen ja ja nein
Nachbearbeiten ja nein nein
Muster farbig? nein ja nein
Pinsel-Funktionen:
versch. Pinsel ja ja, mit Sprites nein
P.editierbar ja ja nein
Window-Funktionen:
Kopieren ja ja ja
Löschen ja ja nein
Invertieren ja ja nein
Spiegeln ja ja nein
Drehen ja ja nein
Farben ändern ja ja nein
Größe ändern ja ja nein
Hardcopy-Funktion ja nein ja
Eingabegeräte Joystick
Trackball
Grafiktablett (Koala)
eigene Maus
Joystick
Trackball
Joystick
Trackball
Grafiktablett (Koala)
Lightpen
Paddles
Preis etwa 100 Mark etwa 25 Mark 98 Mark
Bezugsquelle: Rushware
An der Gümpgesbrücke 24
4044 Kaarst 2
Rushware
An der Gümpgesbrücke 24
4044 Kaarst 2
Softline
Schwarzwaldstraße 8a
7602 Oberkirch

»The OCP Art Studio« (Bild 1) kommt aus England und ist die Umsetzung des dort anerkannt besten Zeichenprogramms für den Sinclair Spectrum. Am auffälligsten ist die Steuerung durch Pull-Down-Menüs, die hier sehr schnell und übersichtlich erfolgt. Als zweites fallen die vielen verschiedenen Befehle auf, unter denen sich einige bisher einmalige Funktionen befinden. Darunter ist die Wash-Funktion, mit der man Bildelemente mit Mustern überlagern kann. Weiterhin stechen die vielen Window-Funktionen ins Auge. Bildschirmausschnitte, auch Windows genannt, können sogar vergrößert und verkleinert werden.

Bildschirm von Art Studio: Menüleiste mit geöffnetem Menü Paint, darunter gezeichnetes Frauengesicht und eine Hand mit Pinsel vor einer Farbpalette
Bild 1. Stark in HiRes: OCP Art Studio

Da Art Studio nur im HiRes-Modus des C 64 arbeitet, fällt die Farbwahl nicht leicht. In einem Block der Größe 8 x 8 Punkte können nur zwei verschiedene Farben verwendet werden. Um die Nachteile, die sich daraus ergeben, so gut wie möglich abzufangen, hat Art Studio ein eigenes Attribut-Menü, in dem man alle möglichen Farbmanipulationen vornehmen kann.

Abgerundet wird das Leistungsspektrum durch alle wichtigen Zeichenfunktionen, die größtenteils sehr schnell ausgeführt werden. Dazu gehören auch sonst unübliche Funktionen wie das Zeichnen von Dreiecken und ein Zoom-Modus mit mehreren Auflösungsstufen.

Der größte Blickfang von »Vidcom 64« (Bild 2) ist sein extrem niedriger Preis, für etwa 20 Mark erhält man ein vollwertiges Zeichenprogramm auf Kassette, das sich hinter seinen Konkurrenten nicht zu verstecken braucht.

Bildschirm von Vidcom 64: oben Farbfelder und Befehlsfelder, unten ein buntes Muster aus Quadraten
Bild 2. Billig und gut: Vidcom 64

Vidcom wird fast komplett mit dem Joystick gesteuert. Die einzelnen Befehle befinden sich in über vier Menüs, die über die vier Funktionstasten aufgerufen werden können. Die Menüs befinden sich, je nach Lage des Zeichen-Cursors, am oberen oder unteren Bildschirmrand.

Höchst interessant ist die Möglichkeit, entweder im HiRes- oder im Multicolor-Modus des C 64 arbeiten zu können. Somit lassen sich mit Vidcom sowohl Zeichnungen mit höchster Auflösung wie auch weniger aufgelöste, dafür aber buntere Bilder herstellen.

Ebenfalls in Vidcom ist ein Sprite- und ein Zeichensatz-Editor vorhanden. Leider beschränken sich die Editiermöglichkeiten auf das Kopieren von Sprites und einzelnen Zeichen; und das nur innerhalb ein- und derselben Grafikseite. Veränderungen am Bild müssen also mit den normalen Zeichenbefehlen vorgenommen werden. Etwas konfus ist die Tatsache, daß man mit Vidcom zwar einen Zeichensatz definieren kann, aber dann keine Text-Funktion zur Verfügung hat.

Vidcom ist das einzige getestete Malprogramm ohne Undo-Funktion. Dieser Mangel wird aber durch zwei unabhängige Grafiksätzen aufgehoben. Vor wichtigen und gefährlichen Zeichenoperationen wie Fill kann man den ersten Bildschirm in den zweiten kopieren und hat so eine Sicherheitskopie, falls etwas schiefgehen sollte. Die Fill-Funktion bietet einige tolle Besonderheiten: Im Multicolor-Modus können Figuren auch mit farbigen Mustern füllt werden. Trotzdem ist die Fill-Funktion sehr schnell und arbeitet auch bei komplexeren Flächen einwandfrei. Ein weiteres Plus ist das Füllen aus dem Hintergrund. Beim Füllen wird anstelle eines Füllmusters oder einer Farbe das Bild aus dem zweiten Bildspeicher als Vorlage verwendet. Die Effekte, die damit erreicht werden, lassen sich nur schwer in Worte fassen.

Alles in allem ist Vidcom jeden einzelnen Pfennig seines niedrigen Preises wert und kann jedermann empfohlen werden, der nicht viel Geld für ein gutes Malprogramm ausgeben möchte.

Der Klassiker unter den drei Programmen ist das inzwischen einundeinhalb Jahre alte »Blazing Paddles«. Zu seinem Erscheinungsdatum war es eine kleine Sensation, waren doch viele der eingebauten Funktionen einmalig für ein Malprogramm. An heutigen Standards gemessen, ist Blazing Paddles nicht mehr das Non-Plus-Ultra, hat aber immer noch einige interessante Aspekte. Zum Beispiel ist es das einzige uns bekannte Multicolor-Malprogramm das eine vernünftige Hardcopy-Routine, die Graustufen simuliert, integriert hat.

Immer noch ungeschlagen ist die Text-Funktion, die mit verschiedenen Zeichensätzen zusammenarbeitet. Die mitgelieferten Zeichensätze sind alle sehr gut brauchbar und liegen sogar in unterschiedlichen Schriftgrößen vor. Es sind auch schon Erweiterungsdisketten mit neuen Zeichensätzen erschienen. Leider kann man keine eigenen Zeichensätze entwerfen.

Eine weitere interessante Funktion ist das Mischen von Farben. Durch das Nebeneinandersetzen von Punkten verschiedener Farben kann man interessante Farbtöne erzeugen (Bild 3). Echte Mischfarben sind aus Hardware-Gründen natürlich nicht möglich. Trotzdem wird man die Funktion oft anwenden.

Bildschirm von Blazing Paddles: Symbolfelder wie CLEAR, WINDOW, TEXT, SHAPES, OVAL, BOX, SPRAY, FILL um eine Zeichnung eines Geräts
Bild 3. Farbenkünstler: Blazing Paddles

Größter Nachteil von Blazing Paddles ist die gegenüber seinen Konkurrenten recht geringe Arbeitsgeschwindigkeit. Manche Funktionen sind geradezu quälend langsam, wenn sie über die komplette Bildschirmhöhe ausgeführt werden müssen.

Alle drei Malprogramme haben ihre Vor- und ihre Nachteile. So wird bei Art Studio und Vidcom in der Anleitung beschrieben, wie man die fertigen Bilder in eigenen Programmen einsetzen kann, bei Blazing Paddles fehlt dieser Vermerk. Dafür ist Blazing Paddles wiederum das einzige Programm, das mit einem Lichtgriffel zusammenarbeitet. Welches Malprogramm Sie im Endeffekt kaufen sollten, hängt ganz von Ihren Ansprüchen und Ihrem Geldbeutel ab. Wenn Sie nur wenig Geld ausgeben wollen, ist Vidcom 64 sicherlich ideal. Wenn Sie ein Malprogramm benötigen, das den Multicolor-Modus bis aufs letzte beherrscht, ist der Griff zu Blazing Paddles der richtige. Für Freunde der höchsten Auflösung können wir schließlich das Art Studio empfehlen. Alle drei bieten Mal-Komfort, den ein angehender Computer-Künstler benötigt.

(bs)
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