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Datenfernübertragung

Expedition ins Reich der Daten

Die Schar der Mailbox-Jünger wird auch bei uns immer größer. Wenn man den Angaben der verschiedenen Anbieter-Firmen glauben darf, stehen in bundesdeutschen Wohnzimmern schon über 60000 Akustikkoppler. Grund genug, einmal nachzuforschen, was per Heim-Computer und Telefon so alles möglich ist.

Eines wurde uns bei den Recherchearbeiten für diese Story schnell klar: In Sachen Datenfernübertragung ist die Bundesrepublik Entwicklungsland! Unter dem Titel »Let Our Modems Go!« geht der Chef-Redakteur des US-Magazins »Byte« (Ausgabe 5/86) Phil Lemmons in seinem Editorial mit der Deutschen Post hart ins Gericht: So wird dem Leser vorgerechnet, daß für die Jahresmiete eines Modems in Deutschland, der Gegenwert von drei US-Modems aufgebracht werden muß.

Für Daten gibt es keinen Zoll

Was lag also näher, als sich einmal genauer im Mekka der Computernetze — den Vereinigten Staaten — umzusehen? Was in Deutschland Datex-P genannt wird, ist in den USA gleich vielfach vorhanden: Paketvermittelnde Netzwerke zur reinen Datenübertragung zwischen Computern verschiedener Größen und Geschwindigkeitsklassen: Über das amerikanische Tymnet finden wir Anschluß zu vier großen professionellen »Bulletin-Board-Systems«: MCI-Mail, CompuServe, Delphi und The Source.

Auch wenn der Zugang zu amerikanischen Computern nicht ganz einfach ist, weil für die Abrechnung meist Kreditkarten verlangt werden, gelingt es auch dem deutschen »Hacker«, legalen Zugriff auf die genannten Systeme zu erhalten. Neben den technischen Voraussetzungen wird eine »Network User ID«, kurz NUI genannt und eben ein Systemname mit Kennwort für die gewünschte Box benötigt.

Fein raus ist, wer über eine der hier noch nicht so verbreiteten »Plastic Cards« verfügt, mit denen in den USA einfach alles zu haben ist: Eine schriftliche Bestellung mit Angabe der Kreditkartennummer und Gültigkeitsdatum der Karte genügen in der Regel, um einige Wochen später ein sogenanntes »Starter-Kit« im Briefkasten zu finden. In diesem Kit findet man neben dem Benutzerhandbuch auch ein gültiges Kennwort, meist verbunden mit einigen Stunden kostenloser ' Verbindungszeit zum Stöbern. Die erwähnten Starter-Kits werden zwar bei uns inzwischen auch vertrieben, jedoch fangen meist dann die Probleme an, wenn es Rechnungen zu bezahlen gilt: Wenn das User-Konto im Minus steht, wird der Zugriff meist gesperrt, bis die offene Rechnung irgendwie beglichen ist. Gut bewährt haben sich hierfür American Express Reiseschecks, die bei jeder Bank bezogen werden können und die auch gegen Verlust versichert sind.

Noch einfacher ist es allerdings, sich an ein deutsches Spezialunternehmen zu wenden, das die gesamte Abrechnung mit den USA übernimmt und an die Teilnehmer regelmäßige Rechnungen in Deutschen Mark verschickt. (Siehe Kasten)

Genug der Vorrede: Online heißt das Zauberwort! Sehen wir uns an, was bei uns zwar noch Zukunftsmusik ist, sich jedoch mit Sicherheit auch durchsetzen wird: Das elektronische Büro der Zukunft — zum Mieten über Telefon.

MCI-Mail: Ihr Schreibtisch in Washington

MCI-Mail ist das jüngste der hier vorgestellten Mailbox-Systeme mit etwa 25000 Anwendern. Es unterscheidet sich von seinen Konkurrenten gewaltig: Ohne unnötige Schnörkel wird einfach nur ein Schreibtisch simuliert — das allerdings perfekt! Nachdem man sich eingewählt hat, befindet man sich sozusagen im Chefsessel eines Vorstandsvorsitzenden, auf dem sich lediglich vier Ablagefächer befinden: INBOX, DESK, OUTBOX und DRAFT.

INBOX: Wie der Name schon sagt: Hier findet man die Eingangspost. Angenommen Sie erhalten fünf Briefe mit der Post — was machen Sie als erstes? Richtig, Sie lesen die Absenderangaben und entscheiden, was zuerst geöffnet wird. Der entsprechende Befehl bei MCI-Mail: SCAN INBOX. Hat man dies erledigt, so werden die Kuverts normalerweise geöffnet und gelesen. Das Öffnen und Entnehmen der Schreiben erledigt die elektronische Sekretärin natürlich unaufgefordert. Das Kommando READ 1 bis 12 zeigt die Briefe nacheinander auf dem Bildschirm.

DESK: Nachdem die eingetroffene Post gelesen wurde, bleibt diese noch einige Tage »liegen«, das heißt die Nachricht wird nicht sofort gelöscht.

OUTBOX: Dieses Fach ist in seiner Bedeutung auch nicht schwer einzuordnen: Verschickte Nachrichten gehen über dieses Kästchen. Die Frage ist nur, wohin und auf welche Art die »Messages« verschickt werden. Am einfachsten (und billigsten) ist es natürlich, die Nachricht an einen anderen MCI-Mail Teilnehmer zu verschicken. Das nennt sich dann »Instant Electronic Mail« und kostet bis zu 500 Zeichen ganze 45 Cents. Aber, und das ist das fantastische an MCI, prinzipiell ist jedermann über das System erreichbar und zwar zu Gebühren, von denen europäische Anwender nur träumen können: Per Telex für 1,82 Dollar die Minute bis in den fernsten Orient und Südostasien oder per Paper-Mail an jeden Empfänger weltweit. PaperMail bedeutet, daß Ihr Schreiben (in den USA dezentral) ausgedruckt wird und per Post seinen Weg zum Ziel findet. Innerhalb der Vereinigten Staaten sorgt auf Wunsch ein Kurierdienst für Zustellung in maximal vier oder maximal 12 Stunden. In den USA ist eben doch alles möglich — es ist nur eine Preisfrage.

Und weil wir gerade bei den Gebühren sind: Das alles ist billiger, als Sie vielleicht denken werden: Neben geringen Jahres- beziehungsweise Monatsgrundgebühren wird für die benötigte Verbindungszeit keinerlei Gebühr erhoben. Lediglich beim Versenden von Nachrichten entstehen Kosten. Als Teilnehmer, der ausschließlich Post empfangen möchte, bezahlen Sie umgerechnet etwa 100 Mark pro Jahr.

DRAFT: Das ist der Papierkorb unter Ihrem Schreibtisch. Hier werden die Notizen abgelegt, die für Sie nicht mehr wichtig sind. Zum Beispiel das Schreiben an die Firma Müller, das sich durch den Anruf gerade eben von selbst erledigt hat.

An diesem Schreibtisch läßt es sich angenehm arbeiten, meinen Sie nicht auch? Und es kommt noch besser: Jedem MCI-Benutzer ist neben einem klartextlichen User-Namen auch eine User-ID zugeordnet. Und mit der hat es besondere Bewandtnis: MCI-Mail ist die Tochter einer großen Telekommunikationsgesellschaft, die ein eigenes Telex-Netzwerk unterhält (WU). Setzt man vor die User-ID die Zahl 650, so hat man seine eigene, persönliche Telex-Nummer. Der Vorteil: Die lästigen Referenz-Sequenzen, die bei anderen Mailboxen nötig sind, um eingehende Telexe zu verarbeiten, entfallen vollständig.

Das Orakel von Delphi...

Das Orakel von Delphi wird so genannt, weil es Ratsuchenden auf jede Frage eine Antwort gegeben hat. Damit wirbt auch das Drittgrößte US-Mailbox-System: Delphi.

Um dem gerecht zu werden, kann man bei Delphi auf eine Fülle verschiedener Datenbanken und Presseagenturen zugreifen, die hauseigene »Kussmaul-Enzyklopaedia« mit weit über 20000 Stichworten und vielen Querverweisen sogar ohne zusätzliche Gebühr.

Wem das nicht reicht, der kann sich auf Wunsch zu »Dialog« durchschalten und in über 200 teilweise sehr speziellen Datenbanken die gewünschten Informationen abrufen. Dialog besitzt eine eigene Abfrage (= Retrieval)-Sprache, die sehr komplex ist. Eine weitere Dienstleistung von Delphi ist daher die Auftragsrecherche gegen geringe Mehrkosten. Es leuchtet wohl ein, daß ein Profi, dessen tägliches Brot die Datenbankrecherchen sind, wesentlich schneller zum Ziel kommt, als ein Neuling. Und — das sei hier auch erwähnt — Dialog ist nicht gerade billig, je nachdem, welche Datenbank man aufruft, Können bis zu 200 Dollar pro Stunde fällig werden.

Verschiedene Presseagenturen (UPI, AP) befriedigen ferner das Informationsbedürfnis der Datenhungrigen. Für wesentlich weniger Geld können die Rundschreiben der letzten 24 Stunden abgerufen werden. Die neuesten Nachrichten werden rund um die Uhr eingespielt.

Delphi bietet aber neben diesen Dienstleistungen noch eine Menge mehr: Besonders beliebt sind die »Special Interest Groups« kurz SIGs genannt. Hier treffen sich regelmäßig Gleichgesinnte, um über spezielle Themen zu diskutieren. Und diese Themenwahl ist vielschichtig: Nicht nur Computer-Latein, sondern auch Themen aus dem sozialen, politischen und (seit neuestem) humanmedizinischen Bereich (Themen: Aids, Krebs etc.).

Und auch Computerfreaks kommen nicht zu kurz: Inder, für fast jeden Computer vorhandenen SIG findet man neben vielen nützlichen Tips auch viele Programme (Freeware) die häufig den Vergleich mit kommerziellen Produkten nicht zu scheuen brauchen.

CompuServe — der Gigant

Dieser Dienst entstand schon im Jahre 1969, als noch niemand den Begriff »Hacker« kannte. Inzwischen hat sich CompuServe zum größten , Mailbox-Anbieter gemausert. 1985 steigerte sich die Zahl der Abonnenten um 48 Prozent auf 259000! Diese Zahl spricht für sich.

Hier findet der Anwender alles unter einem Dach. Um sich bei CompuServe zurechtzufinden, vergehen allerdings kostbare Online-Stunden. Hilfreich ist hierbei die »System Configuration Wall Chart«. Der Ausdruck »Wall Chart« zu deutsch »Wandtafel«, trifft den Nagel auf den Kopf: Auf einer Übersicht im DIN-Al-Format sind die verschiedenen Möglichkeiten von CPS genau dargestellt. Als Neuling bei CompuServe (und übrigens allen anderen noch fremden Systemen) hilft nur eines: Erst einmal die Manuals lesen und verstehen — das schont den Geldbeutel.

Angesichts der fast unbegrenzten Möglichkeiten dieses Systems sollen hier nur einige der Interessantesten herausgestellt werden:

Compu-Store: Das vollelektronische Kaufhaus mit vielen Sonderangeboten

OAG: Die Flugplanauskunft mit Reservierungsmöglichkeit

CBS: Der 12-Kanal-CB-Funk-Simulator: Hier trifft man sich nach Büroschluß zum Plausch, es haben aber auch schon Online-Hochzeiten stattgefunden.

Forum: Entspricht etwa den SIGs bei Delphi

Banking: Kontoführung vom Schreibtischsessel

Multi-Player-Games: Hier kann man sich auch von Europa aus einklinken und Teil eines großen Text-Adventures werden

Max Ule: Börsennotierungen top aktuell

The Source — die Quelle

The Source war früher der härteste Konkurrent von CompuServe und hat in den letzten Jahren bei den Kunden immer mehr an Attraktivität verloren. Im letzten Jahr sank die Zahl der »Subscriber« gar um 1,6 Prozent. Das hat dazu geführt, daß die Oberen von The Source sich mehr auf den kommerziellen Anwender spezialisieren, den Geschäftsmann also, der für schnelle Entscheidungen topaktuelle Informationen in kürzester Zeit benötigt.

Interessant für diesen Kundenkreis: Es können Nachrichten und Informationen ans Schwarze Brett genagelt werden, die von den Lesern bezahlt werden müssen. Das funktioniert ähnlich wie bei Bildschirmtext: Wenn Sie glauben, Ihre Daten sind eine bestimmte Summe wert, werden Sie dem Interessenten erst dann angezeigt, wenn dieser den geforderten Betrag akzeptiert. Die Gutschrift hierfür findet man dann auf der nächsten Rechnung.

Gut geeignet ist The Source für Finanzhaie: Börsenkurse aus verschiedenster Quelle sind wichtig, um frühzeitig Trends und Tendenzen zu erkennen. Viele Datenbanken, die bei Delphi extern aufgerufen werden müssen, sind hier schon integriert, auch wenn für deren Benutzung manchmal Extra-Kosten anfallen.

Trotz der vielen Datenbanken aus dem Business-Bereich ist The Source auch für Privatleute interessant: Online-Spiele werden ebenso geboten wie die beliebten Conferences: Der Dialog mit einem oder mehreren Teilnehmern gleichzeitig. Auch bei den »Bulletin-Boards« ist man gut bestückt: Knapp 100 verschiedene Themenbretter für jeden Geschmack!

Am Ende unserer Reise durch die Datennetze muß natürlich darauf hingewiesen werden, daß es unmöglich ist, alle Möglichkeiten einer großen Mailbox in zwei Seiten aufzulisten. Das war auch gar nicht die Absicht dieses Beitrags. Es sollte vielmehr eine Entscheidungshilfe geboten werden, welche Box für Sie persönlich vielleicht die interessanteste ist. Wenn in einer Mailbox eine Anwendung beschrieben wurde, so bedeutet das nicht, daß die anderen nicht etwas Ähnliches anzubieten hätten.

Eine »Mailing-Section«, in der sich die Benutzer persönliche Post schreiben können, ist natürlich in jedem der Systeme vorhanden, ferner gibt es viele Gateways zu anderen Rechnern: So können von Delphi aus zum Beispiel alle CompuServe- und Source-Benutzer angeschrieben werden.

Zum Schluß noch ein kleiner Tip: Scheuen Sie sich nicht, amerikanische Mailboxen zu benutzen, nur weil Sie vielleicht der Meinung sind, Ihr Englisch sei zu schlecht: Geben Sie sich immer als Deutscher zu erkennen, und Sie werden schnell die besten Kontakte knüpfen können. Wenn Sie in Ihrer Heimatmailbox Kontakte zu Amerikanern hätten, die zwar gebrochen deutsch sprechen, würden Sie diesen Kontakt doch auch pflegen, oder?

(Thorsten Freiberg/og)
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