DFÜ-News: Hackerkongress in Hamburg
»Das ist ja hochinteressant!«, zufrieden lehnt sich Manfred zurück und schreibt die Namen ab, die in grüner Schrift über den Bildschirm flimmern. Eine halbe Stunde hat es gedauert, bis der siebzehnjährige Schüler den Münchner Großrechner dazu gebracht hat, ihm die Namen der eingetragenen Benutzer zu erzählen. »Jetzt brauche ich nur noch die Paßwörter und dann werden sich einige Herren ziemlich wundern«, erzählt er.
Währenddessen lädt er ein Programm, das ihm die Arbeit des Paßwort-Ausprobierens abnimmt: Über tausend hat sein Computer gespeichert, die er in der nächsten dreiviertel Stunde alle ausprobieren wird. »Ich fange mal mit Frauennamen an, denn viele Benutzer nehmen den Namen ihrer Frau oder Freundin als Paßwort. Phantasielos, aber praktisch.« Manfreds Werkzeug: Ein Heimcomputer, ein Telefon und ein Akustikkoppler. Während Manfred seinen Rechner hacken läßt und an einer Zigarette zieht, wird an den Nebentischen im »Hackcenter« auf Computern von Apple, Atari, Commodore kopiert, was das Zeug hält. In einer Ecke steht eine Hamburger Mailbox, deren Sysop sich gerade per Tastatur mit einem Freak aus Düsseldorf unterhält.
An diesem Dezemberwochenende war das Eidelstedter Bürgerhaus Schauplatz des zweiten Chaos-Communication-Congresses, des CCC, des Chaos Computer Clubs. Es war der bekannte Flair von Illegalität auf dem Kongreß zu spüren. So wurden immer noch Leibesvisitationen am Eingang vorgenommen und Wau Holland sagte: »Wir stehen dazu, Hacker zu sein.« Doch war das nur der Schein. Handfeste Themen standen auf der Tagesordnung: Umgang mit Mailboxen, Datex-P, Geonet und die neuen Gesetzesvorlagen.
Vierhundert Hacker aus der ganzen Bundesrepublik und eine Handvoll Freaks aus Schweden, England und den USA diskutierten über Bildschirmtext und über ein Mailbox-Verbundnetz namens »Sysop-Information-System«, womit ein Nachrichtenaustausch zwischen den rund dreihundert hobbymäßig betriebenen elektronischen Briefkästen erreicht werden soll. Vernetzung — das war auch das Zauberwort des »internationalen Frühschoppens mit sechs Hackern aus fünf Ländern«. In den Vereinigten Staaten haben Computer und Computernetze längst die Freakszene verlassen. Ben aus Wisconsin, beispielsweise, arbeitet in der amerikanischen Anti-Apartheitbewegung. Für ihn ist es Teil seiner politischen Arbeit, Computerfreaks und Bürgerinitiativen aus einer Stadt zusammenzubringen: »Die Leute brauchen nicht zu wissen, wie die Computer funktionieren, denn dafür gibt es die Freaks. Es reicht, wenn man ihnen zeigt, wozu sie Computer verwenden werden können.« Die Koordination und Diskussion innerhalb der sozialen Bewegungen laufen in Amerika längst über Rechnernetze ab. Das will man auch bei uns erreichen. Dazu müßte man allerdings Mailboxen Sachgebiete zuordnen, statt ein wildes Sammelsurium von Informationen zu bieten. Inzwischen gibt es auch einige Vorhaben, die das anstreben. Folgende Themen sind beabsichtigt: Grüne und alternative Bewegungen, Arbeitslosen-Fragen, juristische Probleme und technische Fragen.
Tägliche Konferenzen über Computer mit bis zu dreißig Leuten aus dem ganzen Land sind in den USA keine Seltenheit. Mancher deutscher Hacker ist davon immer noch fasziniert. Doch Bürgerinitiativen und Friedensbewegungen sind bei uns noch gegen alles mißtrauisch, was im weitesten Sinne mit Elektronik zu tun hat. Wau Holland, Altvater der deutschen Hackerszene warnt aus diesem Grund die Freaks davor, sich in die Kriminalität abschieben zu lassen: »Wir arbeiten offen, und wir haben nichts zu verstecken. Wer aber Sonnenbrillen bei Fernsehauftritten trägt und sich damit ein Underground-Image zulegt, darf sich nicht wundern, wenn er kriminalisiert wird.« Er behauptet, die Hacker würden sich in der Mehrzahl als Datenschützer verstehen, als »Trüffelschweine«, die Lücken in den Systemen aufdecken und als Vorkämpfer für demokratische Netze und Systeme. »Soviel Demokratie wie möglich, soviel Daten wie nötig« ist der Titel eines Entwurfs einer Selbstverständnis-Erklärung, die von den Münchner Hackern vorgestellt wurde. Per Computer soll dieser Entwurf im Laufe des Jahres diskutiert und auf dem nächsten Kongreß verabschiedet werden.
Für Manfred war das Beste am Kongreß, daß er viele neue Leute kennengelernt hat. Denn neue Leute sind neue Informationen und von neuen Informationen lebt die Szene schließlich.
Im Vergleich zum Vorjahr hatte sich bei diesem CCC einiges geändert: Das Publikum zeigte sich fachkundiger, die Beiträge waren professioneller. Die Organisation war zwar immer noch liebenswert chaotisch, doch lief alles reibungslos.
(BHP/Heimo Ponnath/hm)