C 64
Datenfernübertragung

Der moderne Weg ins Abenteuer

Sie geben eine zehnstellige Rufnummer ein und schon ist ihr C 64 mit einem Großcomputer in Amerika oder Neuseeland verbunden. Es ist einfach faszinierend, über zig Funkstellen und mindestens einen Satelliten einen anderen Computer anzuzapfen. Die Telefonkosten sind geringer als Sie denken!

Datex-P heißt die Zauberformel, mit deren Hilfe sich jeder Telefon- und Computerbesitzer für wenig Geld die ganze Welt ins Wohnzimmer holen kann. Begleiten wir für kurze Zeit einen Hacker namens Dieter auf seiner Reise durch Computer in aller Welt. Die Reisegeschwindigkeit beträgt 300 bit/s (30 Zeichen pro Sekunde).

Schaut man sich den Arbeitsplatz unseres Hackers an, findet man eigentlich nichts besonderes, bis auf einen Akustikkoppler, einem grauen Kästchen, das links von einem C 64 und einem 1541-Laufwerk steht. Dieser Akustikkoppler wird die Befehle, die wir mit unserem C 64 anderen Computern geben wollen, in Töne umwandeln, die sich leicht übers Telefon übertragen lassen. Andersrum setzt er auch die Töne, die wir von anderen Computern empfangen werden, in Spannungsimpulse um. Diese Spannungsimpulse »bekommt« der C 64 über den User-Port, seiner RS232-Schnittstelle. Die Übertragungsgeschwindigkeit eines Akustikkopplers wird in bit/s angegeben. Sie beträgt in der Regel 300 bit/s. 10 bit/s sind soviel wie 1 Zeichen (Byte) pro Sekunde.

Unser Hacker legt los: Diskette ins Laufwerk, »LOAD "0:*",8:RUN« und kurz danach erscheint die Einschaltmeldung seines Terminalprogrammes. »Ein ganz einfaches Terminalprogramm«, meint er, »es hat nur die wichtigsten Funktionen, aber dafür kann ich’s im Schlaf bedienen.«

Nach dem Starten stellt er die Übertragungsparameter für Datex-P ein: 300 bit/s, 7 Datenbits, 1 Stopbit, keine Parität. Dann legt er den Telefonhörer auf den Akustikkoppler und wählt die Nummer 228730. Kurz danach hört man ein leises Pfeifen aus dem Hörer und man weiß, man ist mit der Datex-P-Vermittlungsstelle in München verbunden. Damit die Vermittlungsstelle, das PAD, die Verbindung nicht gleich wieder unterbricht, gibt unser Hacker einen Punkt ».« und RETURN ein. Der Punkt ist im Amtsdeutsch das Dienstanforderungssignal. Es erscheint kurz danach die Meldung »Datex-P: 44 8900 49130«. Das ist die Nummer, über die der Zugang auf die Datex-P-Vermittlungsstelle, dem PAD, erfolgt. »Jetzt muß ich schnell den Teil A meiner NUI eingeben, denn sonst verabschiedet sich Datex-P nach zwei Minuten wieder.«

Ein großes »Was« trifft unseren Hacker, der dann mit seinen Erklärungen loslegt: »Die NUI, die Network User Identification, ist mein persönliches Kennwort, das neben mir nur noch der Datex-P-Computer der Post kennen sollte. Das Kennwort besteht aus zwei Teilen, dem Teil A und dem Teil B. Den Teil A gibt man durch »NUI Beispiel« ein und kurz danach will der Datex-P-Computer den Teil B, der nicht am Bildschirm erscheint, wissen:« Datex-P: Passwort: XXXXXX

Hat man den zweiten Teil korrekt eingegeben, antwortet das PAD mit: Datex-P: Teilnehmerkennung DBEISPIEL aktiv

Jetzt ist man »richtig« mit Datex-P verbunden, das heißt, anfallende Gebühren werden der Telefonrechnung des Teilnehmers addiert. Das Paßwort kann man für 15 Mark pro Monat bei der Post beantragen.

Dieter tippt nun auswendig eine längere Zahl ein, da erscheint, fast im gleichen Moment, auf dem Bildschirm die Meldung »Connected to Asmail in Auckland, New Zealand«. Faszinierend! Überlegen Sie mal, welchen Weg die Signale aus dem C 64 zurücklegen und wie schnell die Verbindung hergestellt war. Bei Datex-P gibt es keine Besetztzeichen, wie man sie von Mailboxen her kennt, die über das normale Telefonnetz zugänglich sind.

Trotz der weiten, transkontinentalen Verbindung gerät unser Hacker nicht in Eile oder gar Hektik. »Wozu«, sagt er, »haben wir Datex-P. Die Post verlangt ein paar Pfennige für das Herstellen der Verbindung und danach brauche ich nur noch Gebühren für die übertragene Datenmenge zu zahlen. Die Verbindung zum PAD kostet mich nur soviel wie ein Ortsgespräch, weil es eine Vermittlungsstelle in München gibt. Das unterscheidet Datex-P eben von einer normalen Telefonverbindung. Nach Auckland würde ich nie und nimmer ein normales Telefongespräch führen. 50 Mark rasseln da im Nu durch den Apparat.«

Ein Beispiel dazu: Eine zehnminütige Verbindung in die USA kostet bei 10000 übertragenen Zeichen etwa 4 Mark. Übers normale Telefon hätte man bei 300 bit/s in der gleichen Zeit schon etwa 50 Mark verbraucht.

Weltreise für 50 Mark

Nicht nur Hacker, sondern auch schon viele andere Computerbesitzer nutzen Datex-P als kostengünstige Möglichkeit, Bekanntschaften mit Gleichgesinnten im In- und Ausland zu schließen. So gibt es in vielen Ländern Mailboxen, die ideal für solche Datex-P-Meetings sind. In diesen Mailboxen kann man unter anderem private Nachrichten hinterlassen, öffentliche Pinboards ansehen, in denen verschiedene Themen diskutiert werden oder kleine Börsen eingerichtet wurden. Häufig findet man auch eine »Softbox«, in der Programme über das Telefon hinterlassen und abgerufen werden können. Eine solche Box, am anderen Ende der Welt, haben wir gerade angewählt, die Asmail in Auckland. Wir blättern das Programmangebot durch und finden fast alles Mögliche, und das in den verschiedensten Programmiersprachen. Vom einfachen Utility-Programm bis hin zum Spiel in Maschinensprache. Unser Hacker kennt einige der angeboten Programme und ist über deren Qualität hoch erfreut. Wir beantworten dann noch einige Fragen anderer Teilnehmer und hinterlassen Bekannten noch ein paar elektronische Briefe, bevor wir uns mit CLR von der Asmail verabschieden. Datex-P ist aber kein Kommunikationsnetz nur zum »Rumspielen«. Ist man bereit, einmal etwa 200 Mark auszugeben, kann man sich in einer professionellen Mailbox wie der Delphi-Box in den USA registrieren lassen und hat dann Zugriff auf sämtliche dort bereitstehende Daten, gegen Gebühr. Die Gebühren müssen an den Mailboxbetreiber überwiesen werden. (Im Ausland durch Angabe einer Kreditkartennummer.)

Die Delphi-Box ist eine Mailbox der Superklasse. Man kann Informationen zu Politik, Wissenschaft, Medizin und Literatur etc. abrufen. Man kann sich allerdings auch online (life) mit anderen Mailbox-Benutzern unterhalten. Ein bestimmter Befehl listet alle Benutzer auf, die gerade in der Box arbeitet. Mit einem zweiten Befehl kann man sich mit einem dieser Benutzer verbinden lassen. »Der sieht mitten in seinen Daten unsere Gesprächsaufforderung. Entweder nimmt er sie an oder ignoriert sie.« Wir suchen uns jemanden aus und »läuten« ihn an. Kurz darauf haben wir einen Michael aus Deutschland auf dem Bildschirm, der genauso gern wie wir in ausländischen Mailboxen herumstöbert. Man sieht doch, wie klein die Welt ist. Selbstverständlich kann man sich nicht nur mit einem Teilnehmer unterhalten, sondern eine komplette Konferenz eröffnen und andere Teilnehmer dazu einladen. Im Hackerdeutsch heißt das Sprechen mit anderen über den Computer »Chatten«. Nach einem kurzen Plausch wenden wir uns den angebotenen Informationen zu. Wir wollen uns die neuesten Nachrichten aus der Wissenschaft zeigen lassen und schon kommen sie via Satellit über den großen Teich. Die Menge an Informationen, die jetzt auf uns zukommt ist fast schon erschreckend. Der Textspeicher unseres C 64 geht in die Knie und die 1541 beginnt zu »kratzen«. Nach etwa 40 KByte englischem Text entschließen wir uns, die Übertragung zu unterbrechen. Wer soll denn das alles lesen?

Die Delphi-Box erlaubt uns aber auch einen Einblick in Datenbanken, die ebenfalls gebührenpflichtig sind. Zum Beispiel in die »The Source«, an die auch die Zeitung »The Washington Post« angeschlossen ist. Dort lassen sich dann (mit etwas Hackerglück) die neuesten Schlagzeilen abrufen, noch bevor sie gedruckt sind.

Hier erzählt uns Dieter, daß man auch anders an die Information in solchen Mailboxen kommen kann: »Man muß nur lange genug nach Paßwörtern suchen und das nimmt einem heutzutage der Computer ab.«

Die Grenzen der Legalität

Spezielle Programme, sogenannte Scanner, probieren ständig neue Paßwörter aus, bis eines paßt. Auf ähnliche Weise lassen sich sogar Teilnehmerkennungen (NUIs) für Datex-P herausbekommen. Aber man sollte sich klar sein, daß das illegal ist. Gerüchte besagen, daß der »Gilb«, so der Hackername für die Post, Kennungen in Umlauf bringt, bei denen die Leitung rückverfolgt werden kann.«

Wir schauen aus dem Fenster: In München regnet es mal wieder. Wie ist denn das Wetter in London? Kein Problem, zapfen wir eben schnell mal das VIDTEX-System in England an. VIDTEX ist ähnlich unserem Videotext. Da es hier natürlich Steuerzeichen für Farbumschaltungen etc. gibt, brauchen wir einen VIDTEX-Emulator. Das ist ein Programm, welches die VIDTEX-Codes auf den C 64 anpaßt. Mit der Nummer 0234222715151 wählen wir das englische Kommunikationsnetz SERC-NET an. Auf die Frage User-Name antworten wir mit GUEST. Danach will das System noch das Paßwort wissen: FRIEND. Danach geben wir noch CALL PIP ein und schon sind wir mit dem englischen Videotext verbunden. CALL PIP ist ein Computer-Befehl, der ein bestimmtes Programm startet. Auf der Seite 120 steht, daß es in London ebenfalls regnet und es zudem noch stark nebelt. Naja, dann schauen wir uns eben die Fun-Seiten an: staubtrockener englischer Humor.

Trockener Humor aus England

Nachdem wir jetzt etwa zwei Stunden lang im Ausland unterwegs waren, ziehen wir kurz Bilanz in Bezug auf unsere Telefonrechnung. Denn: Datex-P ist zwar billig, aber umsonst ist es nicht. In den zwei Stunden Auslandsaufenthalt haben wir etwa 100 KByte Text über Datex-P hinundher geschoben (etwa 25 Mark). Dazu kommen die Ortsgebühren (acht-Minuten-Takt) von 3,45 Mark und die PAD-Kosten und Verbindungsgebühren ins Ausland (zusammen etwa 30 Mark).

Es lohnt sich also, eine Datex-P-Kennung zu beantragen. Datex-P ist einfach ein modernes Abenteuer. Denn kein anderes Kommunikationsmittel bietet die Leistungen von Datex-P, mit dem die entferntesten Winkel der Erde ohne Wartezeit erreicht werden können. Und das zu einem erschwinglichen Preis; vor allem dann, wenn die Verbindung zum PAD im Nahbereich liegt.

Nicht umsonst stand unser Hacker diesem Artikel mit gemischten Gefühlen gegenüber. Er hatte einfach Angst, daß Datex-P zu viele Anhänger findet, die mit ihm die Faszination teilen.

(B.H.P./hm)
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